Albrecht Dürer in Gotha ist online
Die digitale Öffnung eines fünf Jahrhunderte alten Erbes
Die Friedenstein Stiftung Gotha hat einen weiteren wichtigen Schritt im Hinblick auf die Erforschung der europäischen Druckgraphik vollzogen: 300 Werke von Albrecht Dürer aus dem Kupferstichkabinett sind nun online über unsere Webseite zugänglich.
Die Digitalisierung markiert einen Meilenstein bei der Erschließung einer der ältesten Dürer-Sammlungen Europas und setzt die Bildungsmission der ernestinischen Herzöge fort, Wissen durch Anschauung zu vermitteln.
Historischer Ursprung der Sammlung
Die Gothaer Sammlung mit Werken von Albrecht Dürer hat eine außergewöhnliche historische Bedeutung. Sie zählt zu den ältesten Dürer-Sammlungen überhaupt und ist vermutlich bereits vor 400 bis 500 Jahren an den ernestinischen Höfen in Wittenberg, Torgau und Weimar entstanden.
Im ersten Kunstkammerinventar von Schloss Friedenstein aus den Jahren 1657/59 werden vier Alben erwähnt, die als „Albrecht Dürers sachen“ beziehungsweise als „Drey Bücher Albrecht Dürers Kupferstück undt holtzschnitt“ bezeichnet sind. Solche Alben, sogenannte Sammel- oder Klebebände, konnten mehrere Hundert Blätter umfassen.
Nur selten haben sich diese Alben vollständig erhalten, da man im 19. Jahrhundert damit begann, sie auseinanderzunehmen, um die Blätter neu zu sortieren. Viele der heute im Kupferstichkabinett der Friedenstein Stiftung befindlichen Dürer-Grafiken stammen nachweislich aus den frühen herzoglichen Sammlungen. Herzog Ernst der Fromme, der die Gothaer Sammlungen begründete, hielt somit bereits im 17. Jahrhundert Dürers Holz- oder Kupferschnitte in den Händen.
Umfang und Zusammensetzung der Sammlung
Der Bestand des Kupferstichkabinetts umfasst heute rund 350 Blätter, die entweder von Dürer selbst geschaffen oder nach seinen Entwürfen von anderen Künstlern ausgeführt wurden. Dabei handelt es sich um Holzschnitte, Kupferstiche und Radierungen, die ein breites Spektrum des grafischen Schaffens des Künstlers abdecken.
Zu den herausragenden Werken zählen die Porträts von Kaiser Maximilian I. und Philipp Melanchthon. Beide Motive sind auch in anderen Sammlungen überliefert, doch die Gothaer Exemplare weisen besondere Merkmale auf. So wurde das Porträt Kaiser Maximilians I. in Gold gedruckt – eine vergleichbare Fassung existiert nur in Bamberg. Das Bildnis Philipp Melanchthons ist nicht nur als Druck, sondern auch als originale Kupferplatte erhalten. Insgesamt sind lediglich zwei Kupferplatten von Dürer überliefert und nur die Gothaer Platte wurde tatsächlich in der Technik des Kupferstichs bearbeitet.
Dürer im Kontext der herzoglichen Sammlungen
Dürers Erbe in Gotha beschränkt sich nicht auf grafische Arbeiten. Es ist auch in anderen Bereichen der herzoglichen Sammlungen präsent, beispielsweise in Medaillen, die nach seinen Entwürfen geprägt wurden. Ein weiteres bedeutendes Zeugnis ist die von Dürer im Jahr 1524 selbst verfasste „Familienchronik“. Dieses seltene Manuskript ist nur in Abschriften überliefert. Das Gothaer Manuskript war ehemals Teil eines Sammelbandes im Kupferstichkabinett und wurde erstmals im Kunstkammerinventar von 1721 erwähnt. Im 20. Jahrhundert wurde die Handschrift an die Forschungsbibliothek Gotha abgegeben.
Diese Objekte verdeutlichen die Wertschätzung, die die ernestinischen Herzöge für Dürers Werk hegten. Beim Anlegen ihrer Kunstkammer folgten sie einer universalen Sammlungsidee, die Gotha zu einem der bedeutendsten Zentren für Kunst- und Wissensgeschichte in Europa machte. In dieser Sammlung durften Kunstwerke der berühmtesten Künstler nicht fehlen. Darüber hinaus öffneten sie ihre Kunstsammlungen frühzeitig für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Diese Tradition wird heute von der Friedenstein Stiftung Gotha und der Forschungsbibliothek Gotha ohne Einschränkungen fortgeführt, indem sie ihre Bestände digital zugänglich machen: die Druckgrafiken und Medaillen über Friedensteine.de und die Familienchronik über GOTHA.digital.
Wissenschaftliche Aufarbeitung und Kooperation mit duerer.online
Nach Abschluss der fotografischen Erfassung hat Anfang 2025 die wissenschaftliche Projektphase begonnen. Die Friedenstein Stiftung Gotha arbeitet dabei eng mit dem Team von duerer.online, einer digitalen Forschungsplattform der Universitätsbibliothek Heidelberg, zusammen.
Ziel ist es, die technischen Informationen und historischen Kontexte der Dürer-Werke aus Gotha zu analysieren, gegebenenfalls zu ergänzen und die Metadaten an internationale Forschungsstandards anzupassen.
Auf der Plattform duerer.online werden die Drucke des Kupferstichkabinetts kunstwissenschaftlich kontextualisiert, indem sie in ihre zeitlichen Entstehungsprozesse und Abhängigkeiten eingeordnet werden. In der eigenen Sammlungsdatenbank GOTHA.digital werden entsprechende Verweise angelegt, um die Verbindung zwischen den lokalen Beständen und internationalen Forschungsnetzwerken zu stärken.
Bis Ende 2026 sollen die erweiterten Datensätze und die hochauflösenden Bilddateien auf duerer.online und GOTHA.digital veröffentlicht werden. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur internationalen Dürer-Forschung sowie zu den Digital Humanities.
„Duerer.online ist eine wissenschaftliche Plattform, auf der man sich sowohl einen Überblick über Dürers Gesamtwerk und dessen Nachleben verschaffen als auch tief in die verschiedenen Zustände, Kopien, Nachahmungen und Quellen eintauchen kann. Ich freue mich sehr, dass wir mit unseren Beständen und unserem Digitalisierungsprojekt dazu beitragen können, dieses außergewöhnliche Œuvre noch vollständiger zugänglich zu machen“.
Ulrike Eydinger, Leiterin des Kupferstichkabinetts der Friedenstein Stiftungor, 1864
Die Digitalisierung der Dürer-Werke ist Teil des umfassenden Projektes „Gotha transdigital“, das durch Mittel des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) sowie des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) über das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur gefördert wird.